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Aktuelles

Nachruf zum Tod von Dipl.-Ing. Dr. Hans-Jörg Kaiser

28.09.2015

8. April 1952 – 7. September 2015


Mit großer Bestürzung erfuhren wir vom plötzlichen Tod von Dipl.Ing. Dr. Hans-Jörg Kaiser. Er war Vizepräsident und Vorstandsmitglied von Europa Nostra Austria.

Hans-Jörg Kaiser wurde 1952 in Obertrum bei Salzburg geboren. Hier erlebte er eine glückliche Kindheit und Jugend, die ihm die Augen für die Schönheiten der Natur, ebenso wie für die Zeugnisse der Vergangenheit in diesem geschichtsträchtigen Ambiente öffnete. Er besuchte die Grundschulen in Obertrum und Seekirchen und kam anschließend in die Höhere Technische Bundeslehranstalt in Salzburg, die er 1972 mit Auszeichnung abschloss. Sein Architekturstudium führte ihn an die Technische Universität nach Wien, wo er mit einer Diplomarbeit über die Sanierung eines Baublocks in der Getreidegasse in der Altstadt von Salzburg sein Studium 1979 beendete und als Assistent am Institut für Baukunst und Bauaufnahmen seine berufliche Tätigkeit begann. Auch seine 1985 vollendete Doktorarbeit widmete sich der historischen Stadt am Beispiel der baulichen Entwicklung des Hohen Markts in Wien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.

1989 übernahm er die Leitung der Fachabteilung „Altstadterhaltung und Stadterneuerung“ im Magistrat der Stadt Linz und war gleichzeitig stellvertretender Geschäftsführer des Linzer Planungsinstituts. In dieser Zeit schuf er wesentliche Grundlagen für eine denkmalgerechte Altstadtpflege in Linz. Seine letzte und längste Station seiner Laufbahn war die Stadt Steyr, wo er 1993 bis 2014 Leiter der „Altstadterhaltung, Denkmalpflege und Stadterneuerung“ war. Die seit dem Mittelalter als Umschlagplatz für den Eisenhandel finanzkräftige und weltoffene Stadt hat bis heute einen überaus bemerkenswerten Bestand an historischer Bausubstanz und ein besonders schönes Stadtbild bewahrt. Der sorgsame und respektvolle Umgang mit diesem reichen künstlerischen Erbe ist wesentlich ein Verdienst von Hans-Jörg Kaiser.Hans-Jörg Kaiser beschränkte sich aber nicht allein auf den Berufsalltag.

Daneben verfasste er viele Publikationen in Fachzeitschriften und Büchern, organisierte und gestaltete Ausstellungen und hielt zahlreiche Vorträge. Er war ein angesehenes aktives Mitglied bei ICOMOS, der internationalen Fachorganisation der Denkmalpflege. In dieser Funktion betreute im Rahmen des Monitorings die Welterbestätten „Historisches Zentrum der Stadt Salzburg“ und die „Kulturlandschaft Hallstatt-Dachstein-Salzkammergut“, eine Arbeit, die ihn auch in der allzu kurzen Zeit seiner Pension sehr beschäftigte. Seit 2012 war er im Vorstand von ENA – Europa Nostra Austria.

Hans-Jörg Kaiser war Denkmalschützer und Denkmalpfleger mit Leib und Seele und aus tiefer Überzeugung, seit er während der Schulzeit in der Salzburger Altstadt umhergestreift war und die lebendige Geschichte und Gegenwart der Denkmäler für sich entdeckt hatte. Er verstand früh die Fragilität und die vielfältigen Bedrohungen für die Erhaltung des kulturellen Erbes und hat darin seine Lebensaufgabe gefunden. Der Umgang mit technischen Problemen, wirtschaftlichem Druck, Unverständnis für die Sensibilität der Materie oder unreflektierten Wünschen nach Erneuerung und Modernisierung wurde zur Lebenserfahrung. Sein Einsatz war nicht laut, besserwisserisch oder pathetisch, ganz im Gegenteil. Er kam auf leisen Sohlen und wusste dennoch zu überzeugen. Dabei half ihm natürlich seine profunde Fachkenntnis, aber wesentlich war vor allem die Authentizität seiner Persönlichkeit, sein freundlich offenes Wesen, seine persönliche Bescheidenheit, sein wacher Blick für das Machbare und sein Verständnis für das Zumutbare, ohne dabei unangemessene Kompromisse einzugehen. Die österreichische Denkmalpflege hat mit ihm einen allseits anerkannten profilierten Fachmann und einen vorbildlichen besonderen Menschen verloren.

Eva-Maria Höhle

September 2015